Reliquienverehrung

 

Reliquien und Reliquienverehrung haben auch heute noch ihren Platz im Leben der Kirche. Oftmals scheint der Umgang mit dieser Frömmigkeitsform jedoch nebulös und unklar.
Eine orthodoxe Dogmatik beantwortet die Frage nach dem Stellenwert und der Sinnhaftigkeit von Reliquien auf folgende Weise:

"Infolge der Heiligenverehrung werden auch ihre persönlichen Überreste verehrt, etwa die hl. Reliquien. Zuweilen wird sogar die Nichtverwesung eines Körpers als Anzeichen der Heiligkeit verehrt (und umgekehrt). Doch diese Nichtverwesung stellt keine allgemeine Regel dar, und sie ist für die Verherrlichung in Heiligkeit keineswegs nötig. Nichtsdestoweniger genießen die Überreste der Heiligen, wenn sie erhalten sind (was bei weitem nicht immer der Fall ist), besondere Verehrung; vor allem werden Reliquienteile in das Antimension eingelegt, auf dem die Liturgie vollzogen wird (im Andenken daran, daß sie in der Urkirche auf den Reliquien der Märtyrer vollzogen wurde). Die dogmatische Verehrung von Reliquien (neben den Ikonen der Heiligen) begründet sich auf den Glauben an eine besondere Verbindung des heiligen Geistes mit seinen körperlichen Überresten, die auch durch den Tod nicht unterbrochen wird. Dieser hat nur begrenzte Macht hinsichtlich der Heiligen, die ihren Körper mit ihrer Seele nicht völlig verlassen, sondern eine besondere geistige Gnadenanwesenheit in ihren Reliquien haben, sogar in kleinsten Teilchen. Die Reliquien sind bereits der Körper, der vor der allgemeinen Auferstehung vor-verherrlicht wurde, auch wenn er diese noch erwartet. Dieser Zustand ähnelt dem des Leibes des Herrn im Grabe, der zwar tot und von der Seele verlassen war, doch nicht von seinem göttlichen Geist verlassen war, sondern seine Auferstehung noch erwartete."

Sergeij Bulgakov, Die Orthodoxie, Die Lehre der orthodoxen Kiche, Paulinus-Verlag, Trier, S. 189